PATELLALUXATION (PL) - DIE VERRUTSCHTE KNIESCHEIBE


In diesem Beitrag wird sich der Autor vorwiegend mit der genetisch bedingten Patellaluxation, insbesondere mit der lateralen Patellaluxation beschaeftigen.

Das Problem Patellaluxation ist auch fuer unsere Shar Pei Hunde  gegenwaertig aktuell, wie mir geschilderte Beispiele zeigen. Im Rahmen der Zuchtselektion sollten belastete Zuchttiere einheitlich erfasst und aus der Zucht genommen werden. Hierzu ist die externe Kontrolle der Zuechter und eine zuverlaessige Diagnostik der Tierärzte zwingend notwendig.    

Ursache:
Die Patellaluxation ist eine Kniegelenkserkrankung, bei der die Kniescheibe entweder permanent oder kurzfristig aus der fuer sie vorgesehenen Gleitrinne rutscht und somit nicht mehr mit der Gelenksflaeche in Verbindung steht.

Zwei Knochenkaemme, die sich als eine gut ausgebildete Rille zeigen, begrenzen und fuehren die Bewegung der Patella. Bei gesunden Hunden sind die Knochenkaemme und die gesamte Knochenoberflaeche glatt und geschmeidig. Das trifft auch fuer die Rueckseite der Kniescheibe zu.  Ausserdem wird das gesamte Kniegelenk permanent mit Gelenkfluessigkeit geschmiert. Damit ist ein korrekter Bewegungsablauf gegeben.

Die Patellaluxation, ein gestoerter Vorgang des Bewegungsablaufs, kann bei Hunden vorkommen, deren Ober- und Unterschenkelknochen nicht gerade und/oder deren Baender, Sehnen und/oder Muskeln in den Hinterbeinen zu schwach ausgebildet sind. Auch bei Hunden, deren Rille im Kniegelenk zu schmal oder zu flach ist, tritt die Patellaluxation auf.

Man unterscheidet zwischen einer medialen und einer lateralen Patellaluxation.

Bei Klein- und Zwergrassen gehoert die Luxatio patellae congenita medialis (die Patella verschiebt sich an die Innenseite des Knies) zu den haeufig vorkommenden Erbfehlern. Sie tritt in 90% der Fälle von Patellaluxationen auf.
Die laterale PL, die Luxatio patellae congenita lateralis (die Patella verschiebt sich an die Aussenseite des Knies) kommt seltener vor. Die laterale Patellaluxation tritt besonders bei mittleren und großen Hunderassen auf, so auch bei Shar Pei Hunden. Diese Erscheinungsform der  Patellaluxation, wenn nicht genetisch vorgegeben, tritt hauptsaechlich waehrend der Wachstumsphase (4. bis 5. Monat) auf.

Fuer beide Erkrankungen, medial und lateral PL, die meist beidseitig auftreten, ist als Ursache mit grosser Wahrscheinlichkeit die genetische Disposition verantwortlich. So gut wie nie ist eine massive, traumatische Einwirkung (Unfall) die Ursache. Selten kann eine Luxatio patellae auch in der Wachstumsphase erworben sein. Wenn dem so ist, spielt dann auch die Aufzucht, wie Fuetterung und Bewegung in der Wachstumsphase, eine Rolle.

Die kongenitale Patellaluxation kann  innerhalb der ersten sechs Lebensmonate des Welpenh diagnostiziert werden.

Durch Formveraenderungen der Knochen im Bereich der Hinterbeine (z.B. Hypoplasie der Rollkaemme) ist die genetische Disposition des Hundes zu erkennen. Eine klinische Symptomatik kann bereits beim neugeborenen Welpen vorliegen. Was aber wesentlich haeufiger vorkommt, die Patellaluxation wird erst zu einem spaeteren Zeitpunkt erkennbar.

Um der erblich bedingten Erkrankung vorzubeugen, schreiben mittlerweile viele Zuchtverbaende betroffener Rassen die Untersuchung auf Patellaluxation vor, bevor eine Zuchtzulassung erteilt wird.

Symptome:
Die Symptome einer Patellaluxation koennen von einer verminderten Aktivitaet, was besonders bei Welpen auffaellig ist, ueber starke Schmerzen bis hin zu passiven Bewegungsablaeufen der hinteren Extremitaeten reichen, wie zum Beispiel:

          •    Der Hund hat zunehmende Schmerzen bei Spaziergaengen und neigt dazu ein Hinterbein
                hochzuziehen. 
          •    Der Hund zieht den Oberschenkel des betroffenen Beines an den Koerper oder streckt das Bein,
                ohne dass der Fuss den Boden beruehrt.            
          •    Der Hund bewegt beide Hinterbeine gleichzeitigen in der Vorwaertsbewegung.
          •    Der Hund kann das betroffene Hinterbein nicht belasten.
          •    Der Hund kann das betroffene Hinterbein nicht anwinkeln.
          •    Die Hunde zeigen oft eine typische Schonhaltung.

Bei auftretenden Symptomen, jeder Schritt wird für den Hund zur Qual, sollte die Kniegelenke des Hundes vom Tierarzt klinisch untersucht werden.

Hinweis:
Huendinnen haben waehrend der Laeufig- und der Traechtigkeiten weichere, elastischere Baender, was auf die entsprechend veraenderte Hormonproduktion zurueckzufuehren ist. Die Kniegelenke einer Huendin sollten also zweckmaessiger Weise nur ausserhalb dieser Zeiten auf eine eventuelle Patellaluxation kontrolliert werden, denn nur dann wird man den Normal-Status feststellen koennen.
 
 
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Diagnose:
Eine arthritische Veraenderung des Kniegelenks als Folgeerscheinung der Patella Luxation ist die am meisten gefuerchtete Konsequenz dieser Funktionsstoerung. Insofern ist es notwendig, eine etwa bestehende Patella Luxation fruehzeitig zu erkennen, um langfristig ein arthritisch bedingtes Verkrueppeln der Gelenke vermeiden zu koennen.

Die Kenntnis der Anatomie des Kniestreckapparats ist sowohl fuer die Diagnostik als auch fuer konservative und operative Therapiemassnahmen patellofemoraler Instabilitaeten von essentieller Bedeutung.

Die Diagnose der Patellaluxation beruht auf der klinischen Untersuchung des Patienten ohne Beruhigungsmittel oder Narkose. Entscheidend fuer die Sicherung der Diagnose ist die Untersuchung durch Abtasten des Kniegelenks. Bei uebergewichtigen und adipoesen Tieren koennen Roentgenaufnahmen noetig sein, sonst sind sie fuer die Diagnose nicht notwendig.

Die Beurteilung einer Patellaluxation erfolgt nach der Gradierung von PUTNAM (1968) in Grade 1 - 4:

          PL 0: keine Luxation feststellbar.

          PL 1: In Beuge- und Streckhaltung kann die Kniescheibe nur durch Druck von medial/lateral
                   (Mitte/Außen) luxiert werden, d. h. die Kniescheibe kann durch Druck verschoben
                   werden. In der Bewegung des Hundes bleibt sie an ihrem Platz. Diese Form hat selten 
                   gesundheitliche Auswirkungen auf den Hund.
 
          PL 2: Die Patella kann durch Fingerdruck von medial/lateral oder durch Strecken des Knies
                   selbst luxiert werden, d. h. die Patella bleibt in der verschobenen Stellung und kann
                   durch Druck oder aktives Beugen und Strecken zurückspringen. Auch kann die Kniescheibe 
                   gelegentlich luxiert werden, wenn der Hund laeuft oder rennt. Die Kniescheibe renkt sich
                   durch die weitere Bewegung des Hundes wieder ein und kann auch manuell wieder an 
                   ihren Platz geschoben werden.  Diese Hunde koennen gelegentliche Lahmheit bis hin zur 
                   hochgradigen Lahmheit aufweisen.
                  
          PL 3: Die Kniescheibe luxiert haeufig. Sie kann durch Druck zwischen die Rollkaemme gebracht
                   werden, bleibt sie dort nicht lange, sondern luxiert wieder. Vielfach zeigen die Hunde 
                   eine mehr oder weniger starke permanente Lahmheit.
 
          PL 4: Die Patella ist permanent luxiert. Eine Ruecklagerung mit manueller Hilfe ist nicht mehr
                   moeglich. Die Hunde haben eine permanente Lahmheit.
 
Die Diagnose Patellaluxation erscheint einfach, sollte aber erst nach gruendlicher klinisch-orthopaedischer Untersuchung des Tieres gestellt werden. 

Differentialdiagnosen:
Ausgeschlossen werden muessen Knochenbrueche sowie Baender- und Meniskusverletzungen im Bereich des Knies, wie:  

          •    Patellafraktur,
          •    Meniskuslaesion,
          •    Kreuzbandruptur,
          •    Seitenbandruptur

weil sonst auch der Erfolg operativer Behandlungen in Frage gestellt werden wuerde.

Therapiemaßnahmen:

Ziel muss es sein, ein stabiles, belastungsfaehiges und schmerzloses Kniegelenk und somit eine Verbesserung von Lebensqualitaet, Beweglichkeit, Gehleistung sowie Verhinderung oder Verzoegerung des Fortschreitens einer Arthrose zu erreichen.

Bei einer Patellaluxation muss die Ursache korrigiert, nicht nur die Symptomatik bekaempft werden! Denn, ---- bei allen Krankheitsformen der PL ist die Arthrose als Folgeschaden unvermeidlich.
 
 
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Operative Massnahmen:
Patellaluxationen des 2. bis 4. Grades muessen operiert werden. Sie stellen eine echte Behinderung des Hundes dar, weil er seine Knie nicht mehr strecken kann. Denn je laenger das Knie falsch belastet wird, desto gravierender sind die Folge- und Spaetschaeden.

In der Literatur werden zur operativen Behandlung der instabilen Patella ueber 100 verschiedene Techniken beschrieben. Das hat mich sehr erstaunt!

Durch einen chirurgischen Eingriff koennen sowohl die Knochenstrukturen veraendert, als auch die Bewegung der Kniescheibe begrenzt werden.

          •    Die Rille zwischen den Knochenkaemmen kann chirurgisch vertieft werden, um so
                der Kniescheibe besseren Halt zu geben.

          •    Die Kniescheibe selbst kann befestigt werden, um ein Herausgleiten zu vermeiden.

          •    Die Sehne des Quadrizep-Muskels kann abgetrennt und neu positioniert werden,
                so dass der Zug dieses Muskels die Kniescheibe nach unten und nicht mehr seitlich beeinflusst.

Die mediale bzw. laterale Versetzung der Tuberositas tibiae (rauher Hoecker am oberen Ende des Schienbeins, Ansatz des Patellabandes), in Kombination mit einer Sulcoplastie der Nut zur Fuehrung der Patella stellt die Standardmethode zur chirurgischen Korrektur der Patellaluxation dar. Der Ansatz der Kniescheibensehne (Tuberositas tibiae) wird versetzt. Hierdurch ergibt sich eine Verlagerung der gesamten Kniescheibe.

Der Operationserfolg ist abhaengig von der Zahl der Luxationsereignisse und damit vom vorbestehenden Knorpelschaden.

Alternative Massnahmen:

Es gibt auch andere Therapiemassnahmen, um einen operativen Eingriff unter Umständen zu vermeiden. Besteht der Verdacht, dass der Welpe eine genetische Disposition fuer die Erkrankung an Patellaluxation hat, kann man mit einer entsprechenden, gezielten Physiotherapie prophylaktisch Baender, Muskeln und Sehnen beim Hund staerken, um so einer Patella-Luxation zuvor zukommen. Auch weitere Massnahmen, wie etwa eine Elektro- oder Ultraschalltherapie, koennen unterstuetzend oder vorbeugend wirken. Diese Methoden kommen aus der Humanmedizin.
Auch noch nach der ersten Patellaluxation mit nachfolgender, geringerer Beeintraechtigung kann eine nichtoperative Behandlung der Patellaluxation erfolgen. Dazu wird die Kniescheibe von einem erfahrenen Tierarzt wieder eingerenkt. Das Kniegelenk soll für diese Massnahme schmerzfrei gestellt werden. Hierzu wird der Tierarzt den Hund entweder oertlich, im groesseren Bereich des betroffenen Knies betaeuben oder den Patient in eine Vollnarkose legen. Nach dem Einrenken der Patella wird das Knie meist für mehrere Wochen stabilisiert. Hierzu kann eine med. Patellabandage  oder Knieorthese eingesetzt werden, welche die Patella in ihrer Ursprungslage stabilisiert.
Bei einer ausgepraegten Fehlbildung des Femoro-Patellargelenks sowie Bandlaxitaet haben praeventive Massnahmen jedoch nur eine eingeschraenkte Erfolgsaussicht. Nach meinen Erkenntnissen haben alternative (konservative) Methoden ab PL2 eine untergeordnete Bedeutung.

Sprechen Sie den Veterinaer auf diese alternativen Massnahmen an.

Empfehlungen:
Bei Auftreten von PL - sofortiger Ausschluss des betroffenen Hundes aus der Zucht !!!
Der Ausschluss aus der Zucht, sollte für jeden Züchter oberstes Prinzip sein !!!
 
Vorbeugung:
Uebergewicht und ein schlechter Muskeltonus beguenstigen das Problem einer Patellaluxation.  Der Hund ist durch regelmässige Bewegung fit zu halten; besonders das Herauflaufen (gemaessigter!) Steigungen kraeftigt die Muskeln rund um die Kniescheiben.

Hinweis:
Die Inhalte seiner Beitraege werden vom Autor nach bestem Wissen und Gewissen dem jeweiligen Besucher zur Verfuegung gestellt. Die Informationen auf den Seiten http://www.familial-shar-pei-fever.de/ ersetzen nicht die professionelle Diagnostik, Beratung und Therapie durch einen Tierarzt! Sie stellen nur ein Informationsangebot dar. Diese Informationen wurden im guten Glauben und im Vertrauen auf die professionelle Integritaet seiner Quellen hier moeglichst originalgetreu wiedergegeben. Aussagen ueber Produkte und Gesundheitszustaende sind nicht durch den Autor dieser Webseite ausgewertet worden  Alle Informationen ueber diagnostische und therapeutische Methoden (inkl. Informationen ueber Medikamente) gelten nicht als persoenliche Empfehlung oder Therapievorschlag. Geben Sie ihrem Hund niemals Medikamente (Heilkraeuter eingeschlossen) ohne Absprache mit Ihrem Tierarzt! Da der Autor selbst nicht ueber medizinische Kenntnisse verfuegt, uebernimmt er auch keine Haftung der angebotenen Informationsbereitstellung.
 
Hanspeter Kobold
Ibiza, im Juli 2008
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Quellen:
> KOCH D. A., P.M. MONTAVON (1997): Klinsche Erfahrungen bei der Therapie der Patellaluxation des Kleintieres mittels Sulkoplastie und seitlicher und kranialer Versetzung der Tuberositas tibiae. Schweizer. Arch. Tierheil. 139, 259 - 264.

> SLOCUM B., D. SLOCUM , T. DEVINE (1982): Wedge recession for treatment of
recurrent luxation of the patella. Clin. Orthop. 164, 48.

> FLO G. L. (1969): Surgical correction of a deficient trochlear groove in dogs with severe congenital patellar luxations utilizing a cartilage flap and subchondral grooving.
MS Thesis, Michigan State University, East Lansing, Michigan.

> Braden TD.: Das instabile Kniegelenk des Hundes. Kleintiepraxis1980; 2(7): 417−427.

> Endres B. : Luxatio patellae congenita des Hundes. Diss Med Vet, München 1977.

> Fritz RM.: Zur Luxatio parellae des Hundes – Klinisches und roentgenologisches Spaetergebnis nach Transposition der Tuberositas tibiae und/oder Vertiefung der Trochlea ossis femoris. Diss Med Vet, München 1989.

> Prof. Dr. Ernst Schimke
(Chirurgische Veterinaerklinik der Universitaet Giessen, Kleintierchirurgie)